GR 52 A

GR 52 A - Verloren im Niemandsland!

(August 2018)

„Eine Fernwanderung durch südfranzösische Bergdörfer, stehst du doch voll drauf – und wird ganz easy, lange nicht so hart wie Island und selbst wenn, da fahren überall Busse, auf die man im Fall des Falles ausweichen kann – wird voll geil!“, überzeugt mich meine Liebste und so machen wir uns Ende August 2018 auf den Weg.

Tag 1: Breil-sur-Roya

In Nizza angekommen, heißt es erstmal raus aus der Stadt ins Bergland – mit dem Zug. Unser Ziel ist Breil-sur-Roya, von dort aus wollen wir in 5 Tagen nach St-Martin-Vésubie wandern, ungefähr 55 km erwarten uns alles in allem.

Am späten Nachmittag kommen wir in Breil-sur-Roya an,

… laufen vom Bahnhof durch den fast verlassen wirkenden kleinen Ort, mit seiner etwas morbiden Kapelle und den alten Häusern. Sind die überhaupt noch bewohnt?

Immer am Flüsschen entlang, erreichen wir bald den Marktplatz, ein paar wenige Leute sitzen trotz Hitze im Café, die umliegenden Restaurants sind noch geschlossen und werden erst in etwa zwei Stunden öffnen, wenn es kühler ist. Neben dem Cafe ist ein kleiner Supermarkt, wir holen uns Cidre, Brot und Käse und picknicken spontan, auf der anderen Seite des Flusses, auf einer schattigen Parkbank.

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Dann müssen wir weiter, einen Platz zum übernachten finden. Zelten ist hier grundlegend erlaubt, das heißt außerhalb von Ortschaften, als Richtwert gilt in etwa eine Gehstunde. Wir folgen der Strasse Richtung Sospel, die uns rasch ansteigend aus dem Tal führt.

Zelten ist aber schlecht hier, alles steinig, uneben, schroff. Dazwischen zwar ein paar ebene, meist verwilderte, zugemüllte Grundstücke, aber überall Schilder „Privée!“ ,  betreten also verboten, daran halten wir uns natürlich, auch wenn wir hier ganz allein zu sein scheinen, kein Mensch und kein Auto sind zu sehen oder hören.

Schließlich finden wir einen kleinen Schotterplatz neben der Strasse, den nehmen wir. Zelt aufbauen, noch ein bisschen sitzen, n Tee trinken, dann wird es dunkel und wir gehen schlafen.

Tag 2: Breil-sur-Roya – Sospel (15 km)

Aufstehen, kurzes Frühstück, Aufbruch. Vor uns liegen ca. 15km Wanderweg nach Sospel. Anfangs geht es durch leicht bewaldetes Gebiet weiter rauf, meist schön im Halbschatten, das geht ganz gut.

Die rot-weißen Markierungen sind in regelmäßigen Abständen gut zu sehen.

Nach etwa einer Stunde gelangen wir auf eine Hochebene, ein Gasthof mit tollem Ausblick läd zum kurzen Verweilen ein.

Dann geht es weiter, jetzt in praller Sonne. Um uns herum das Zirpen von tausend Zikaden.

Neben Pinien und Feigenbäumen voll reifer Früchte, kommen wir an riesigen Agaven und kleinen halbverfallenen Kapellen vorbei – ein bisschen wie in Mexiko, so ähnlich stelle ich es mir da jedenfalls vor, nur eben mit mehr Kakteen und Schlangen, vermutlich.

Heiß und trocken ist es, keiner Menschenseele begegnen wir und so können wir auch keinen fragen, ob wir uns lieber auf unser Navi und den Wanderführer verlassen sollen oder auf die, in gelegentlich ganz andere Richtung weisenden Schilder und Wegweiser.

Unsere Ankunft am Ziel wird sich um fast 2 Stunden verschieben, behauptet unser GPS Gerät. Da hätten wir wohl doch nicht den Schildern trauen sollen? Was soll´s, Hauptsache wir sind jetzt auf dem richtigen Weg.

Vorbei an Ruinen,

kühlen Gründen mit von Gebirgsbächen gespeisten Becken,

kaum Wasser führenden Flüsschen,

seltsam anmutenden Freizeitgrundstücken,

verschlossenen Häuschen und Eisenbahnbrücken…

…gelangen wir aber dann schließlich in das kleine Bergstädtchen Sospel. Ziemlich fertig sind wir, der Weg war nicht unanstregend, vor allem der Hitze wegen. Der Jahrhundertsommer 2018 kommt uns hier in den Bergen mit kiloweise Gepäck auf dem Rücken nochmal etwas drückender vor.

Wir entscheiden daher ein Zimmer zu nehmen, auch um uns die Stadt in Ruhe anschauen zu können.

Und das lohnt sich! Wer die typisch mediterrane, fast verwunschene Atmosphäre, die diese kleinen alten Orte so oft umgibt, zu schätzen weiß, kommt hier voll auf seine Kosten.

Vor allem wenn es dann langsam dunkelt und die Strassenlaternen die Gassen und Hausaufgänge in ein unwirkliches Licht tauchen.

Im Restaurant „Die Ziege“ zahlen wir 66,60 fürs Abendessen. Ab jetzt also mit dem Teufel im Bunde – dann kann ja nix mehr schief gehen! Oder?

Ein bisschen schlendern wir noch durch den nächtlichen Ort, dann müssen wir vernünftig sein und ins Bett, morgen geht’s weiter!

Tag 3: Sospel – Moulinet (15,5 km)

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Aufstehen, Frühstück, Aufbruch. Kurz noch einmal im Bistro in Moulinet anrufen – wie lange ist heute geöffnet? Bis 19.30. Bis dahin müssen wir dort sein, außer dem Bistro gibt es weit und breit keine Möglichkeit essbares oder Wasser zu bekommen. Los geht’s also.

Eine knappe Stunde geht es auf der Hauptstrasse raus aus der Stadt, bis sie einen scharfen Knick nach Links macht und dann gleich hinter einem hohen Berg verschwindet. Wir sollen weiter geradeaus, sagen Navi und Wanderführer – nur geradeaus gibt es nicht. Also zumindest keinen Weg, nur Gestrüpp, Bäume, Fels. Na dann erstmal die Hauptstrasse weiter – doch nach ein paar Metern: Absperrung mitten auf der Strasse, Durchgang verboten.

„Müssen wir wohl umdrehen“, sagt meine Liebste. „Nix da! Erstmal gucken!“, sage ich und kletter unter leichten Protesten über die Absperrung und dann:

Strasse weggebrochen und vor uns ein „Loch“ dass jeglicher Beschreibung spottet. Ein Erdrutsch hatte im April Strasse, Bäume und eben wohl auch unseren Wanderweg ins Tal gerissen. So ein Mist.

Die Liebste will zurück nach Sospel, von dort aus mit dem Bus weiter. Ich will mich aber noch nicht geschlagen geben, will das Loch umgehen. Wir gehen etwas zurück und finden einen kleinen Trampelpfad, der nach oben führt, vielleicht können wir so das Loch oberhalb der Abbruchkante umgehen? Wer wagt gewinnt!

Es wird hart, sehr steil geht es hoch und höher, die Sonne brennt, irgendwann verläuft sich der Weg in verlassenen Gärten, Weinbergen, Gestrüpp.

Wir versuchen uns weiter durchzuschlagen, immer ein Auge auf dem Navi geht es in praller Sonne auf und ab, mal auf Pfaden, mal querfeldein, mal durchs kratzig-dichte Unterholz. Fast 3 Stunden brauchen wir, bis wir wieder auf dem Weg mit der rot weißen Markierung sind. Was für ein Ritt. An einem Wasserbecken rasten wir.

Früher Nachmittag ist es jetzt, zwar sind wir schon fast 4 Stunden unterwegs, haben aber durch unser Gegurke erst ein Drittel der mit knapp 7 Stunden ausgewiesenen Strecke geschafft. Weiter also.

Nun erst kommt der eigentiche Aufstieg – und der hat´s in sich. Anderthalb Stunden geht es steil nach oben, erst über Treppen, dann über serpentinenartige Pfade. Immerhin größtenteils im Halbschatten.

Wir rasten erneut, setzen uns in einen der spärlichen Schatten, den die wenigen Bäume werfen, es ist heiß und trocken. Unsere Wasserblasen sind fast leer. Ob wir es noch rechtzeitig schaffen bis Moulinet? Wird schon. Zähne zusammenbeißen.

In luftigen Höhen wandern wir den Hang entlang.

Sind wir noch auf dem Weg? Sind wir, auch wenn sich das kaum erkennen lässt – Konzentration, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind hier gefragt.

Ein Stückchen weiter kreuzen wir einen Bach, kühlen uns ab, füllen unsere Wasserblasen mit  Bachwasser – besser als nix. Und sogar ein paar Hexenpilze finden wir! Falls wir es also nicht rechtzeitig schaffen sollten bis Moulinet hätten wir wenigstens ein bisschen was zu beißen. Aber weit ist es ja nicht mehr jetzt, also: Auf und Endspurt.

Vorbei an einer einsamen, verfallenen Steinhütte führt der Weg nun nur noch leicht ansteigend durchs Hochland. Die Sonne steht nun schon recht tief, es wird angenehmer. Meine Liebste schreitet ungewöhnlich rasch voran, bemerke ich, normalerweise hab ich das schnellere Tempo. Bin wohl doch ganz schön geschlaucht. Irgendwie ist mir auch ein bisschen kalt, und… ja, ein bisschen komisch ist mir auch. „Weiter“, denke ich, „ist ja bald geschafft, nur noch 3-4 km bis Moulinet“. Ich versuche Schritt zu halten, aber falle immer weiter zurück. Schließlich gebe ich auf.

„Olesja!“, rufe ich, „Tut mir leid, kurze Pause, muss kurz rasten,“ und setze mich quasi an Ort und Stelle auf den steinigen Grund. Meine Liebste kommt zu mir, schaut besorgt. Ich beginne zu zittern, mir ist nun plötzlich sehr kalt. Und sehr übel. Während Olesja mir einen Pullover aus dem Rucksack holt erbreche ich mich mehrfach. „Mein Kreislauf spielt verrückt“, denke ich. „Überanstrengung“? Olesja sieht besorgt aus. Die Sonne verschwindet hinter den Bergen. Ich fühle mich Elend und sehr geschwächt. „Was machen wir denn jetzt nur?“, fragt sie. Ja, denke ich, was machen wir jetzt?

***

Natürlich haben wir es überlebt, sonst könntet ihr das hier ja nicht lesen. Wir wurden letztlich von der zuständigen Bergwacht, deren Nummer wir glücklicherweise dabei hatten, gerettet und ins Krankenhaus gebracht. Unsere Wanderung mussten wir abbrechen. 3 Tage hat es gedauert, bis ich wieder bei normalen Kräften war – den Rest unseres Urlaubs haben wir dann mit Tageswanderungen und Ausflügen von Nizza aus verbracht. Und sehr viel darüber geredet, was wir so alles falsch gemacht haben und wie wir in diese Situation gelangt sind. Dass wir einen Blick dafür entwickeln müssen, wann man eine Wanderung besser abbricht, wann es unvernünftig wird weiter zu gehen.

 

Das hat uns natürlich sehr beschäftigt, so sehr, dass daraus ein Hörspiel entstanden ist. Es heißt „Grande Randonnée“ und kann hier angehört werden, dann könnt ihr auch erfahren was mich so schrecklich aus den Latschen gehauen hat, denn – so viel sei verraten – die Anstrengung allein war es nicht! 😉

  1. Andrea

    Großartig, das Hörspiel!! Und euren Reisebericht mit den wunderschönen Fotos finde ich auch klasse! Vielen Dank und herzliche Grüße von Andrea aus Köln….ich wünsche euch noch viele schöne (!) Wandererlebnisse 😉

    • mont coloré

      Liebe Andrea, Steffen und ich danken dir sehr für deinen netten Kommentar! Was wir aus solchen Erfahrungen gelernt haben ist, dass man auch aus Dingen, die nicht nach Plan laufen oder gar nicht klappen, immer auch was Gutes und Schönes draus machen kann, was Steffen mit diesem Hörspiel eindrucksvoll bewiesen hat. Alles eine Sache der Einstellung 🙂

  2. Randonneur d‘Ouest

    Tolles Hörspiel, lebensecht eingesprochen, auch die Idee mit den unterschiedlichen Perspektiven ist klasse, da hört man gerne zweimal. Aber Pilze sind echt so ne Sache…
    Gibt’s noch mehr Hörspiele von dir/euch?

    • mont coloré

      Vielen lieben Dank, das Kompliment habe ich an Steffen weitergeleitet. Er freut und bedankt sich! Dieses Hörspiel ist in der Tat sein Debüt gewesen und wir werden sehen, was uns die Zukunft so bringt – Ideen hätten wir viele 🙂

      LG Olesja

  3. Prima Idee, das in eine Tondokument umzusetzen. Die Fotos passen genau. Kenne die Gegend. Viel Steine gibt’s und wenig Brot.
    Ein Wort noch zum Umgang mit der Landessprache. Das man nicht sympathisch wirkt, wenn man einfach Englischkenntnisse voraussetzt – normal. Auch ich finde das impertinent, und ich bin Anglist.

    • mont coloré

      Hallo 🙂 toll, dass dir die Idee gefallen hat. Da wir dort wirklich in sehr abgeschiedenen und kleinen Örtchen waren ist es eigentlich normal, dass zum größten Teil nur Landessprache gesprochen wird, ist ja hier in Dörfern oder sonst wo auf der Welt meistens auch nicht anders. Im Hörspiel hat Steffen dies etwas überspitzt dargestellt, um Maries und Pauls Lage zu dramatisieren. In Wirklichkeit haben wir dort wirklich nette Menschen kennengelernt und die Bergretter waren super super nett und freundlich und kommunizieren kann man zur Not auch mit Händen und Füßen, wenn man dabei lächelt 🙂
      LG Olesja

  4. Monika Zimmermann

    Danke für dieses Hörspiel, ich war wirklich mit dabei ???…

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